Mormonen - Missionsarbeit
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Evangeliumsverkündigung im Gefängnis

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Als ich in Sydney (Australien) lebte, wurde ich gebeten, die Insassen eines Gefängnisses -- dort wurden besonders gefährliche Gewohnheitsverbrecher verwahrt -- im kreativen Schreiben zu unterrichten. Zuerst lehnte ich ab. Ich wollte nicht ins Gefängnis gehen, um Verbrecher zu unterrichten! Der Gedanke war entsetzlich für mich. Ich hatte ohnehin noch nicht genügend Kenntnisse, denn ich lernte selbst noch.
Drei Monate später trat man erneut mit dieser Bitte an mich heran, und diesmal stimmte ich sofort zu. Ich glaube, daß ich bei dieser Antwort gelenkt wurde, denn das Ja entschlüpfte mir, bevor ich Zeit gehabt hatte, über die Entscheidung nachzudenken. Von nun an ging ich zehn Monate lang jeden Samstagmorgen in jenes Gefängnis, bis ich wegen Arbeitsüberlastung und Prüfungen aufhören mußte. Dabei lernte ich etwas Wichtiges: Jede Seele ist wichtig für Gott und mußGelegenheit bekommen, vom Evangelium zu hören.
Vom ersten Tag an nörgelte man an mir herum, weil ich religiös sei. Die Gefangenen sagten: „Sie sind anders, Sie sind religiös, und wir wollen hier keine Religion." Ich wiederholte, daß ich nur zu dem Zweck gekommen sei, sie im kreativen Schreiben zu unterrichten. Und so ging es von 9 Uhr morgens bis mittags um 12.30. Wie erschöpft war ich um diese Zeit!
Der zweite Samstag verlief ein wenig besser; ich erreichte mehr. Wieder anders war der dritte Sonnabend. Sobald der Unterricht begann, sagten sie: „Sie sind anders. Sie sprechen anders, Sie denken anders, Sie handeln anders. Wir haben die ganze Woche über Sie gesprochen, und zwei von uns glauben, daß Sie Mormone sind. Stimmt das?"
Ich war sprachlos. Ich hätte nie gedacht, daß sie meine Konfession erraten würden. Jedenfalls bekannte ich mich dazu und wartete darauf, daß man mich noch mehr hänseln würde. Sie sagten: „Nun, in einer Art ist es schade, daß wir jetzt keine Vermutungen mehr anstellen können. Es hat soviel Spaß gemacht, darüber zu reden, aber wir sind trotzdem froh, daß wir es jetzt wissen." Von diesem Tag an überschwemmten sie mich mit Fragen zum Evangelium. Zwar wurde von mir nicht erwartet, daß ich Religionsunterricht gab, doch waren diese Diskussionen stets wichtiger als der Unterricht im kreativen Schreiben. Gewiß, sie schrieben und lernten ordentlich, aber ich nahm mit, was sie geschrieben hatten, und arbeitete es zu Hause durch, so daß wir den größten Teil der Zeit mit religiösen Gesprächen verbringen konnten.
Einer der Häftlinge, Kevin, schrieb eine schöne Geschichte über Jesus Christus. Ein anderer, Peter, hatte die Missionare kennengelernt, als er noch nicht im Gefängnis gewesen war, und er hatte in seiner Zelle deren Visitenkarten und ein Buch Mormon. Er wurde für das Evangelium noch etwas aufgeschlossener. Ein anderer Gefangener jedoch, Ralph, bat schließich darum, daß ihn die Missionare besuchten. Er las das Buch Mormon, fastete und betete und erwarb dadurch ein Zeugnis von der Wahrheit.
Zeitschriften der Kirche und weitere Exemplare des Buches Mormon machten unbeschädigt die Runde. Normalerweise wurden religiöse Bücher unbrauchbar gemacht und schließlich ganz zerstört. Man hatte sogar Seiten aus der Bibel als Zigarettenpapier benutzt.
Gewöhnlich saßen wir bei der Arbeit um einen wackligen alten Tisch, aber eines Tages stand in dem aus Stühlen gebildeten Kreis ein neuer runder Tisch mit einem schmiedeeisernen Fuß. Die Tischplatte war mit einer Wolldecke verhüllt. Ich beglückwünschte meine Schüler zu der Veränderung; dann nahmen sie die Decke ab. Es war ein Liebeswerk, an dem sie zwei Wochen gearbeitet hatten. Sie hatten den Tisch gezimmert und angestrichen, und schließlich hatten sie auf die Tischplatte den Kopf einer grauen Katze gemalt, weil sie wußten, daß ich Katzen gern hatte. Ich war tief gerührt.
Ich bin glücklich darüber, sagen zu können, daß von allen im Gefängnis gebotenen Kursen der meine am beliebtesten war und am regelmäßigsten besucht wurde. Im Durchschnitt hatte ich jede Woche zehn Teilnehmer. Das lag jedoch nicht an mir, das wußte ich, sondern an dem besprochenen Stoff -- dem Evangelium Jesu Christi. Priestertumsträger halfen mir dadurch, daß sie die meisten der zahllosen auf Papier gekritzelten Fragen beantworteten. Dies war ein weiterer Teil meiner Hausarbeit.
Ich liebte diese Arbeit und würde sie gern noch einmal ausführen, wenn sich die Gelegenheit böte. Allerdings wünschte ich in diesem Fall, daß die Sache richtig organisiert würde, um das Evangelium offen verkündigen zu können, falls die Gruppe dies wünscht. Ich weiß jetzt aber, daß es gerade zu jener Zeit eine Arbeit zu tun gab: Ein Häftling war bereit, das Evangelium anzunehmen. Ich wurde in jenes Gefängnis gesandt, weil ich diesen Menschen beeinflussen konnte. Ich korrespondiere noch immer mit ihm.
Janette Millar, Nov 1977


5:09 PM - Wednesday, August 27, 2008


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